Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Neue Wege kritischer Bewertung


Zum 40. Internationalen AICA Kongress in Paris

In seiner Einführungsrede hat der Präsident der Internationalen AICA, Henry Meyric-Hughes, die heutige Situation zusammengefasst, in der sich die Kunstkritik allem Anschein nach befindet.
1. Es besteht der Eindruck, dass Kritik nur noch eine marginale Rolle in der Kunstszene spielt
2. Gleichzeitig gibt es viel mehr Veröffentlichungen über Kunst und Ausstellungen denn je, aber die meisten davon sind beschreibenden und nicht wertenden Charakters
3. Kritiker treten immer häufiger und aus den verschiedensten Gründen nicht nur als Schreibende, sondern auch als Ausstellungs-Kuratoren auf

Ohne nach einer Begründung für die oben genannten Beobachtungen zu suchen, wurde in der ersten Podiumsdiskussion der Umstand beschrieben, dass es angesichts von Konzeptkunst, Performances, interaktiven Arbeiten und allen möglichen Formen, in denen die Grenzen des Kunstwerks nicht mehr sichtbar sind, schwierig geworden ist, dafür eine angemessene Sprache der Kritik zu finden. Außerdem wurde geschildert, dass die Vernetzung zahlreicher Künstler nicht mehr nur über Galerien und Ausstellungen stattfinde, sondern über das Internet und Email. Das gleiche gelte für die elektronische Übermittlung von Bildmaterial und für die Kontakte zwischen Künstlern und Sammlern. Hierdurch träten Merkmale wie Authentizität, formale und stoffliche Beschaffenheit oder die Aura eines Kunstwerks in den Hintergrund, was sich wiederum negativ auf eine mögliche Einschätzung durch die Kritik auswirke.
Kritik in der globalen Welt ( Stichwort mille plateaux ) sei deshalb so schwierig geworden, weil es kein Kunstzentrum mehr gebe, deshalb keinen dominierenden Diskurs und auch keinen Konsens. Im postkolonialen Kontext müsse man ohne Autorität auskommen.
Die Verunsicherung der aktuellen Kunstkritik begründete AICA-Generalsekretär Ramon Tio Bellido damit, dass wir immer wieder in die gleiche Falle hineinstolpern; sie ergebe sich aus einer nicht mehr objektivierbaren Unübersichtlichkeit aus Markt, Spektakel und Institutionalisierung: immer wieder geschehe es, dass ein Werk den gleichen Wertungen unterwerfen werde wie etwa Musicals, Bestseller auf dem Buchmarkt oder die Popmusik. Beurteilt würde dann die Integration des Künstlers im Hinblick auf die Distribution. Man frage nach dem Wieviel und nicht nach dem Weshalb, also nach der Menge an Käufern, an Ausstellungen, an Wertsteigerung.
Immerhin gab es einige optimistische Stellungnahmen dazu, in denen darauf hingewiesen wurde, dass neue Technologien die Sprache und das Vokabular verändern und dass der Kritiker schöpferisch damit umgehen kann, also selbst zum Künstler wird. Oder, dass es längst Kunstwerke gebe, die mit ihren selbstreflektiven Strategien die Aufgaben der Kritik übernommen hätten. Schließlich hob Christian Gattinoni aus Frankreich mit viel Enthusiasmus die nach seiner Ansicht fruchtbaren neuen Möglichkeiten der Internet-Zeitschriften hervor, weil es nur darin genügend Raum gebe, ausführliche Texte zu veröffentlichen und diese dann auch noch zu diskutieren, was ja in der gedruckten Presse schon lange nicht mehr der Fall sei.

In der zweiten Sitzung hörten wir den Bericht einer Kollegin aus Bulgarien (Iara Boubnova), die ein hervorragendes und überzeugendes Beispiel einer multidisziplinären Zusammenfügung von Kunst, Theorie und Kritik vorstellte und die Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass Kunstkritiker aktiv dazu beitragen könnten, die Umwelt zu verändern und zu verbessern. Sie plädierte für einen militanten Aktivismus, der ein "wunderbarer Ausweg" aus der Krise der Kunstkritik wäre.
Nachdem sich dann jedoch andere Diskutanten auf den Standpunkt stellten, Kritik müsse generell ihren autoritären und selektiven Diskurs aufgeben, statt dessen den sozialen Raum, die intersubjektiven Strukturen ( was für eine schöner Begriff ! ), die Effektivität des Kunstwerks ermitteln, ohne zu urteilen, da wurde doch Protest im Publikum laut und die Frage aufgeworfen: was kritisiert die Kritik eigentlich noch ?
Unser finnischer Kollege Lars Saari machte den Versuch einer Annäherung an die aktionistische Kunst, also an das eben nicht ganzheitliche, nicht in seinen materiellen Grenzen definierbare Kunstwerk und plädierte für den kontextuellen Zugang: Analyse der mitgedachten Diskurse, Bestimmung der Form, der Technik, der Ausführung, Frage nach der Komplexität, der Ethik und der gesellschaftspolitischen Einbettung. Schließlich Vergleich mit früheren Arbeiten, um zu einer Beurteilung zu
gelangen.
Dass es in der Kunstkritik noch weiterhin um die Frage nach guter oder schlechter Qualität gehen müsse, darüber waren sich die meisten Anwesenden am zweiten Tag der Diskussionen wohl einig. Dafür sollte der Kritiker, nach Ansicht von Zoran Eric aus Serbien, sich Einblick verschaffen über den Einfluss der kapitalistischen und globalen Wirtschaft auf die Kunstszene und über die "Produktion des sozialen Lebens". Auf dieser Grundlage habe er auch Zugang zur immateriellen Kunstproduktion.

Die Ausstellung als ein Ort möglicher Kritik wurde in der dritten Diskussionsrunde behandelt. Ausstellungen seien der privilegierte Ort für Information, Auswahl und Einschätzung von Kunst geworden. Heute seien es die Ausstellungskuratoren, die Debatten provozierten und Meinungen bildeten. Die Grenzen der kuratorialen Praxis wurden aufgezeigt, denn - wie gesagt wurde - "der Kurator bleibt in der Regel an Institutionen gebunden, der Kritiker ist unabhängig". Der Kurator engagiere sich für ein Werk, der Kritiker habe die Möglichkeit, Distanz zu bewahren. Kurator und Institution seien lokal verankert, der Kritiker schreibe mit Blick auf einen internationalen und transhistorischen Horizont.
Weitgehend wurde beklagt, dass Ausstellungen meist Teil der Gesellschaft des Spektakels bleiben. In den besten Fällen seien Kuratoren jedoch so nonkonformistisch und kritisch den Institutionen und dem Kunstmarkt gegenüber, dass sie eine Gegenwelt zur Kulturindustrie schaffen könnten und dem Kritiker dessen Arbeit abnehmen. Einige durchaus positive Beispiele wurden vorgestellt, in denen Kritiker zu Kuratoren wurden und ihre kritische Haltung in die Konzeption der Ausstellung miteinbezogen.

In dem vierten und letzten Podiumsgespräch ging es um die Rolle der Kritik und des Kritikers an Kunstakademien und Universitäten. Die Situation erwies sich als sehr unterschiedlich, je nach dem Entwicklungsstand in den einzelnen Ländern. Teils ist die Ausbildung des Kritikers irgendwo in den Studiengängen Kunstgeschichte, Humanwissenschaften oder Medienwissenschaften untergebracht. Teils ist die Praxisvermittlung aufgehoben und in die Projektarbeit interdisziplinärer Forschungsabteilungen eingegangen. In etlichen Ländern gibt es noch keine Ausbildung zum Kritiker.

Zwei empfehlenswerte Neuerscheinungen zum Thema möchte ich hier erwähnen:
Der auf dieser Tagung oft zitierte James Elkins "What happened to art criticism ?" Prickly Paradigm Press, Chicago 2003, und Dominique Berthet "Les défies de la critique d'art", Editions Kimé, Paris 2006

 

Köln, im Oktober 2006
Marie Luise Syring


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