Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Zum Tod von Harald Fricke



Zum Tod von Harald Fricke

Er besaß die Weisheit des ersten Blicks - vertraute aber lieber dem zweiten - und schrieb als Kritiker über seine Eindrücke für Dritte. Das tat er so klar beobachtend und durchdringend, als würde er die Achtsamkeitspraxis von Thich Nhat Hanh beim Umgang mit Kunst praktizieren.
Seine Texte - unverwechselbar durch eigenen Stil und profunde Kennerschaft - las ich über viele Jahre wie Lektionen. Wo immer sie auftauchten. Doch ihn selbst kannte ich nur wenig, es blieb lange bei respektvoller Distanz.
Erst vor zwei Jahren trug uns ein Gespräch über jenen Philosophen unverhofft über die Grenzen vermeintlicher Gegensätze hinweg. Ganz einfach und aus freien Stücken.
So trat ich an Berliner Kolleginnen und Kollegen heran und bat sie, die ihn länger, näher und besser kannten, anstelle eines Nachrufs um drei Sätze, einen Gedanken oder eine persönliche Erinnerung an Harald Fricke.
Danke für das gemeinsame Erinnern an unseren Kritikerkollegen, der am 6. Juni 2007 gestorben ist, 44 Jahre alt.
Thea Herold
Autorin und Journalistin, Berlin

Kulturjournalist, Kunstkritiker, Plattensammler und DJ, Filmrezensent, Popkritiker, Ressortleiter; Zeitschriftengründer, Katalogautor, Barkeeper, Essayist; interdisziplinärer Denker, aufmerksamer Passant, eloquenter Gesprächspartner, Vielleser, Gedächtniswunder, Teamarbeiter:
Einfach nur zu sagen, Harald Fricke wird fehlen, würde der Lücke, die er hinterlässt, nicht annähernd gerecht.
Claudia Wahjudi
Redakteurin bei „Zitty" und freie Kulturjournalistin, Berlin

Mir ist unvorstellbar, dass er AICA-Mitglied gewesen ist.
Alles Verbandlerische und Verbündlerische war ihm suspekt. Einmal hatte ihn ein Galerist im Kreis von Umstehenden gutgelaunt mit ‚Never change a winning team!' begrüßt; das ließ ihn bleicher werden, als er ohnehin schon immer aussah. Kumpelhaftes empfand er als Belästigung. Es war ihm peinlich, schien ihm bedrohlich, weckte das Gewissen aus den Lehren Foucaults. Harald Fricke hielt präventiv Abstand und ging mit seinem heißen Unbehagen lieber auf der kühleren Seite der Straße. Einmal hatte ihn ein Besserwisser in Widersprüche verwickelt; er löste sich, indem er eine Breitseite Deleuze/Guattari herunterratterte und den Schizo zum Normalo erklärte.
Vielleicht hat er deshalb in vielen seiner Texte um eine Aussage herum geschrieben, die Aussage selbst aber ausgelassen. Er lieferte selten die gängigen small-talk-tauglichen Pointen-Artikel, hatte keine ‚Meinungen', sondern kreiste sein Zielobjekt ein, umstellte es mit Erwägungen, ohne es mit Begriffen und Bonmots abzuschießen.
Seine Abneigung gegen jede Art von Vereinnahmung war groß. Einmal habe ich ihn tanzen sehen. Mit ausgreifenden Bewegungen kreiste er langsam um ein imaginäres Zentrum. Man konnte ihm zusehen. Er hampelte nicht herum. Manche haben ihn trotzdem mit Charlie Watts verwechselt.
Peter Herbstreuth
Kritiker und Kurator, Berlin

Schon vor mir schrieb er über Franz Ackermann. Einen  Katalogtext, der bis heute überaus lesenswert ist. Und auch als Gitarrist war Harald mir Meilensteine voraus.
Raimar Stange
Kritiker und Kurator, Berlin

Während der Messe letztes Jahr erzählte mir Harald von einer Entdeckung. Skafte Kuhn, der Bildhauer, bei Iris Kadel aus Karlsruhe. Ja, der fiel mir auch auf, antwortete ich, im ersten Newsletter habe ich besonders auf ihn hingewiesen, weil er mir so außergewöhnlich erschien. Wann war das denn, fragte Harald. Im Juli, meinte ich. Viel zu früh, das liest doch keiner, murmelte Harald, fast schon wieder auf dem Sprung, noch in meine Richtung. Dann, etwas lauter, deutlich lauter zu mir, dann musst Du Material für mich sammeln und mir das gesondert zuschicken. Die Hängemappe „für Harald Fricke" ist da. Gut gefüllt.
Anne Maier
ART FORUM, Berlin

Harald Fricke war viele Jahre wie ein Mentor für mich. Und das hatte mit dem Alter nichts zu tun, denn er war ja jünger als ich. Noch mehr: Er war für mich ein echter Freund, einer der wenigen.
Ulrich Clewing
Redakteur, Berlin

Wieder weiß ich nicht, ob Harald mich meint mit Wink und Gruß oder jemanden, der hinter mir steht. Wenn wir dann im Gespräch sind, hält sich der Eindruck. Er prüft, wie weit ich folge und hält viel hinterm Berg, aus Freundschaft. Beides mag wechselseitig gewesen sein.
Stefan Heidenreich
Autor und Kritiker, Berlin

 

 

 

Köln, im Juni 2007


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