Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Zum „Schriften"-Band über Arno Breker. Ein Gastbeitrag von Rainer Hartmann



Beinahe wäre es ein Scherbengericht geworden über Rudolf Conrades, der 2006 im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus eine Ausstellung mit Arbeiten Arno Brekers gezeigt hat. In der Diskussion, mit der die deutsche AICA-Sektion am Eröffnungstag der Art Cologne (31. Oktober 2006) ihre Mitgliederversammlung beschloss, fand Conrades kaum einen Fürsprecher, dafür umso mehr Ankläger, denen sehr wenige ein paar entschuldigende Argumente entgegenhielten. Das Fazit war eindeutig: So wie in Schwerin geschehen, darf Hitlers Lieblingsbildhauer keinesfalls präsentiert werden.

„Unverantwortlich" nannte Rolf Wedewer das Unternehmen, das der Organisator der Ausstellung in seinem einleitenden Statement zu verteidigen versucht hatte. Eine kleine Schar Auserwählter wisse Bescheid, meinte Conrades, aber „die Millionen gewöhnlicher Sterblicher" sollten sich doch auch „einen ungefähren Überblick über Brekers Entwicklung und Werk" verschaffen dürfen. Diese Position erwies sich als zu schmal. Breker, so lässt sich die Diskussion über manche Differenzierung hinweg zusammenfassen, kann - wenn überhaupt - nur mit detailliert kritischer Begleitung ausgestellt werden. Christoph Zuschlag als schärfster Gegner hatte schon in der ersten Antwort auf Conrades auf „wissenschaftlich-künstlerischen Maßstäben und moralisch-ethischen Grundsätzen" für öffentliche Museumsarbeit bestanden und der Ausstellung die Tendenz vorgeworfen, Breker „salonfähig zu machen".

Dass Conrades keinen Zugang zu Archiv und Nachlass Brekers hatte, die die Witwe auch lange nach dessen Tod im Jahr 1991 hütet, hielten ihm mehrere vor. Deshalb habe die Möglichkeit zu grundlegender Auseinandersetzung gefehlt. Moderator Walter Vitt schaltete sich ins Gespräch mit der Bemerkung ein, Breker habe „kein eigenes Menschenbild als Bildhauer entworfen" und „keine eigene Potenz gezeigt". Einem solchen Skulpturenhandwerker gebührt keine Ausstellung, heißt das wohl; ähnlich Zuschlag: Breker als Mann der Propaganda gehöre „ins historische Museum, nicht aber ins Kunstmuseum".

Mit Recht staunten manche über die Äußerung von Conrades, Breker habe ihn nur wegen der über Jahrzehnte währenden engen Freundschaft mit Jean Cocteau interessiert. Dazu Evelyn Weiss: Man könne gar keine Ausstellung über einen Künstler machen, der einen nicht interessiere. Und wie soll es dann zu Erkenntnisgewinn und Formenvergleichen kommen, die Amine Haase am Ende der Diskussion anmahnte?

Wort für Wort ist die Auseinandersetzung nachzulesen in „Der Fall Arno Breker", dem 17. Band der von Walter Vitt herausgegebenen AICA-Reihe „Schriften zur Kunstkritik", bei dem Zuschlag als Mitherausgeber fungiert. Was da in Köln zwischen Mitgliederversammlung und Kunstmarkt ad hoc gesagt wurde, kann als - wie man das heute nennt - Denkanstoß dienen für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Es verblüfft, dass Conrades mittendrin behauptet, „fast die ganze Künstlerschaft, die in Deutschland geblieben ist", habe mit den Nazis „mitgespielt". Als hätte es keine Repressalien gegeben. Man denke an Nolde, (der, gewiss, anfangs schwach war), an Schlemmer und seine Fensterbilder, an Schmidt-Rottluff, Pechstein, Heckel, Karl Hofer, die als „entartet" diffamiert wurden, Mal- oder Ausstellungsverbot hatten und sich zurückzogen. Willi Baumeister arbeitete in der Lackfabrik, Max Ackermann hatte Lehrverbot und blieb im Dunkeln. Auf die „Stigmatisierung" von Barlach und Käthe Kollwitz durch die Nazis wies Zuschlag schon in der Kölner Diskussion hin. Und das sind nur einige Namen von vielen, die nicht „mitspielten".

„Der Fall Arno Breker" reizt auch Parallelen hervor. Im Nachwort zur Broschüre zitiert Walter Vitt ein an ihn gerichtetes E-Mail von Klaus Honnef (vom 28. 7. 2007), der mit Nachdruck bestreitet, dass die Produkte der sogenannten Nazi-Künstler überhaupt etwas mit Kunst zu tun haben, und betont, dass es nur einen Nazi-Künstler gegeben habe, eine Frau, Leni Riefenstahl. Tatsächlich, so unsympathisch ihre Filme wie ihr Verhalten in ihren Lebensjahrzehnten nach 1945 sind und gewesen sind: Sie hat eine Bildsprache erarbeitet, die auf individuelle Weise die Ordnung der Massen geradezu begründet. Wie „Triumph des Willens" das Führerprinzip ins Visuelle übersetzt, so treibt die Kameraarbeit in den Olympiafilmen das Prinzip Heroisierung heraus. Die Riefenstahl gewinnt durch Formwillen (selbst noch viel später in ihren, für den bewussten Blick, ein irregeleitetes Menschenbild propagierenden Nuba-Fotos), auch wenn sie sich zum Unglück in die falsche Richtung bewegte. Trotz allem unterscheidet sie dies von Breker, dem das Gefühl für die Spannung von Skulptur und Raum offenbar stets fremd blieb.

Andere erfolgreiche Filmregisseure der NS-Zeit lassen sich mit Breker und Spießgesellen wie Thorak oder Peiner durchaus vergleichen; zum Beispiel Veit Harlan, der im Hetzfilm „Jud Süß" durch Überblendungen ganz unabhängig von der denunzierenden Figurenzeichnung so überredende Wirkungen erzielt, oder Karl Ritter, der den Zuschauer, die Erregung steigernd, durch die Sehschlitze von Panzern schauen ließ. Das ist Handwerk, das seine Fertigkeiten willig in den Dienst der Nazi-Ideologie stellte.

Dass hier vom Film geredet wird und nicht von Literatur oder Theater, hat seinen Grund. Um 1970 wollte der durch seine „Atlas-Film" wohlbekannte Filmverleiher Hanns Eckelkamp durch Vorführen von NS-Propagandafilmen Aufklärung betreiben. Das war gut gemeint, zielte auf Erinnerungsarbeit und mit Sicherheit nicht auf Stärkung rechtsradikaler Tendenzen in der damaligen Bundesrepublik. Aber schon nach dem ersten Versuch mit Veit Harlans Durchhalte-Opus „Kolberg", das vor Kriegsende gar nicht mehr ins Kino gelangt war, scheiterte der Atlas-Plan.
Die ideologie- und zeitkritische Begleitung war zu dürftig, die propagandistische Konterbande zu gewichtig. Derartige Munition muss entschärft werden, und das ist nur durch sehr präzise Arbeit am Material möglich. An diese vermasselte Kino-Unternehmung gemahnt die Ausstellungspleite um Arno Breker. Man darf nicht arglos eine solche Präsentation wagen und schon gar nicht ohne wirkliches Interesse an Figuren dieser Art, an deren Wirkungen, deren politischem Umfeld und an der Diffamierung anderer, die mit solch billigen Erfolgen einhergeht.

Walter Vitt/Christoph Zuschlag (Hg.): „Der Fall Arno Breker - Ein Kritiker-Disput zur Schweriner Ausstellung 2006". Band 17 der Reihe „Schriften zur Kunstkritik", Verlag Steinmeier, Köln/Nördlingen. 9,10 Euro.

 

Köln, im November 2007


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