Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Vorkämpfer des Zeitgenössischen / Zum Tode von Helmut R. Leppien



 

Wie sehr Museumsstürmer und Museumshüter einander bedingen, zeigt uns das Beispiel von Helmut R. Leppien. Am 23. Oktober 74jährig in Hamburg gestorben, war er von Anfang an einer der bedeutendsten Mitspieler des gegenwärtigen deutschen Museumswunders. Dieses hatte, was man heute kaum mehr weiß, nach 1960 sein absolutes Zentrum in Köln. Alles passierte damals im Rheinland. Beuys, Richter, Polke und die wichtigen amerikanischen Künstler sah man zuerst in Düsseldorfer Galerien. Köln mit seinem so eleganten und kostbaren einstigen Wallraf-Richartz-Museum und mit Peter Ludwig als Großsammler verlieh dieser zeitgenössischen Kunst sogleich und mit größtem Erfolg die museale Würde der Ewigkeit.

Gerade promoviert über Quattrocento-Plastik in Neapel, war der am 8.9.1933 in Homburg im Saarland geborene und von allem Neuen in allen Künsten faszinierte Leppien seit 1960 als Volontär am Wallraf-Richartz-Museum in Köln an der richtigen Stelle. Er hat diese Übernahme des aufregend Zeitgenössischen durch eines der wichtigsten deutschen Museen Alter und Moderner Malerei entscheidend miterlebt und mit befördert. Und doch schreibt Leppien, am Museum damals sorgsam unterwiesen von seinem älteren Kollegen Horst Vey, bereits 1962 im Bulletin der Museen in Köln mit Blick auf die legendäre Kölner Sonderbundausstellung von 1912: „Die abgöttische Anbetung alles Jungen, heutzutage wieder einmal Mode, das Urteil, ´Gegenwart´ sei, was heute ´aktuell´ ist, gerät in besonderes Licht, wenn man betrachtet, was von der Kunst von 1912 nach fünfzig Jahren übrig geblieben ist. Erweist sich Aktualität nicht als ein sehr zweifelhaftes Kriterium? Es ist ja gerade die Vielfältigkeit der ´Lebensaltersstile´, der Temperamente und Ausdrucksformen, die den Reiz dieser Ausstellung ausmacht."

Genau dies für die aktuelle Kunstszene der 1960er Jahre zu verdeutlichen, war das Ziel einer Ausstellung, die Leppien unter dem programmatischen Titel „Jetzt: Künste in Deutschland - heute" als Direktor der Kunsthalle Köln 1970 veranstaltet hat, nachdem er zuvor fünf Jahre als rechte Hand des von ihm so verehrten Alfred Hentzen in der Hamburger Kunsthalle tätig gewesen ist. „Jetzt" wurde zu einer der am heftigsten kritisierten Ausstellungen und war im Rückblick wohl eine der bestinformierten Darstellungen der Bilderkünste inklusive Film, Performance und Musik in Deutschland unmittelbar nach der Studentenrevolution. Weder kunstmarktkonform noch den konservativen Klüngel bedienend, fanden sich Antes, Beuys, Rosa von Praunheim, Wim Wenders und ephemere Gruppen wie Puyk aus Karlsruhe oder die Projektkommune Kunst am Bau unter Klaus Geldmacher aus Hamburg kontrastreich vereint.

„Jetzt" war zuviel für Köln! Leppien ging als Leiter des Kunstvereins nach Hannover, in die Stadt von Kurt Schwitters, wo er Zeitgenössisches ebenso zeigte wie Übersichtsausstellungen zur „Neuen Sachlichkeit", die in Hannover ein von Leppien wiederentdecktes Zentrum hatte. Weitere künstlerische Lieblingsfelder von Leppien waren Dada und Surrealismus und mithin Max Ernst. Zu dessen graphischem Schaffen hat er das umfassende Werkverzeichnis erstellt. Während seiner hannoverschen Zeit nahm ihn die deutsche AICA auf, der er 33 Jahre angehörte.

Werner Hofmann hat Leppien 1975 als stellvertretenden Direktor und Hauptkustos der Gemäldegalerie wieder an die Hamburger Kunsthalle geholt. In Hamburg versuchte man mit Ideenfülle zu kompensieren, was die Museen anderswo dank der Wohltaten ihrer Sammler und Mäzene voraus hatten und woran sie schließlich auch implodierten. Das deutsche Museumswunder jedenfalls verlagerte sich vom Rheinland nach Hamburg, wo das Museum in der Nachfolge von Alfred Lichtwark zu einer wahrhaft öffentlichen Schule des anschaulichen Nachdenkens über Kunst und Kunstgeschichte wurde. Werner Hofmanns großer Zyklus „Kunst um 1800" wurde dialogisch begleitet durch die von Leppien kuratierten großen Künstlerinstallationen von Rinke, Beuys, Kounellis und Kabakov. Aber auch die ständige Sammlung wurde von Leppien immer wieder neu komponiert unter neuen Leitthemen.

Sein ästhetisches Ideal einer concordia discors hat Leppien nochmals 1981 in der Ausstellung „Der zerbrochene Kopf" zum 100. Geburtstag von Picasso auf höchstem Niveau verwirklicht. Nach einem Vorschlag von Werner Hofmann gruppierte er um Picassos kubistisches Meisterwerk, das 1909 entstandene Portrait von Clovis Sagot, in der Rotunde der Hamburger Kunsthalle 40 Werke der europäischen Kunst, die allesamt auch Köpfe zeigen und alle ebenfalls 1909 entstanden sind, in jenem Jahr also, in dem Picasso den menschlichen Kopf erstmals kubistisch zerbrochen hat. Und wieder argumentiert Leppien: „Der besondere Reiz eines chronologischen Querschnittes besteht doch in der Erkenntnis von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Und aus dem zeitlichen Abstand von 72 Jahren wird die Frage nach der künstlerischen Überzeugungskraft wichtiger als die nach dem Grad der Innovation."

Mit diesem physiognomischen und künstlerischen Labyrinth am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zugleich der Rang des Museums als Hüterin der Vielfalt deutlich. „Das Museum hat einen Januskopf", formulierte Leppien schon im Titel seines Beitrages für die von Gerhard Bott 1970 herausgegebene so berühmt gewordene Aufsatz-Sammlung zum Thema „Museum". Mit seiner Aufgabe, Zeugnisse der Vergangenheit zu sammeln, sei das Museum der Vergangenheit zugewandt. „Mit der Vermittlung von Botschaften der Vergangenheit an die Gesellschaft der Gegenwart" nimmt das Museum für Leppien jedoch „Einfluss auf die Zukunft. So hat das Museum einen Januskopf". Da die Zeugnisse der Vergangenheit aber gar nicht vergangen, sondern Mittel zur Gestaltung der Zukunft sind, wie umgekehrt unter dem Blick der Gegenwart sich auch das Bild der Vergangenheit wandelt, ist das Museum als Verbindung von Gegenrichtungen für Leppien das ideale „Labor und Forschungsinstitut für die Künstler". „Sie, die mit ihrer Arbeit Kunst immer wieder neu definieren, verändern somit auch Charakter und Rolle des Museums in der zeitgenössischen Kunst. Das Museum als Forum hat die Aufgabe des Anregers, der Impulse gibt, keimende Entwicklungen fördert, Aufträge verteilt." Und Leppien beschließt diese Vision von Museen als Arbeits- und Kraftfelder, ja als Muse des zeitgenössischen Künstlers mit der geradezu trotzigen Abwehr aller nur möglichen Skeptiker, um sich dabei noch einmal ganz auf die ungesicherte Seite der Künstler zu schlagen: „Wie viele der angeregten Prozesse zu Ergebnissen führen, zu Bereicherungen der Sammlung, diese Frage darf in den Überlegungen des Museums keine Rolle spielen."

Zugleich aber, und je länger er an der Hamburger Kunsthalle als stellvertretender Direktor diente, desto mehr respektierte Leppien die hohe Weisheit jener Maxime Alfred Lichtwarks: „Aber ein Museum hat es ja zum Glück nicht mit dem Tagesgeschmack zu tun." Beim Gang durch die von ihm eingerichtete Ausstellung der Freiherr J. H. von Schröder-Stiftung mit bürgerlicher und zumeist englischer Kunst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die komplett der Hamburger Kunsthalle gestiftet wurde, räsoniert Leppien mit Demut vor dem Ewigkeitsatem des Museums, der alle unsere noch so gut gemeinten Anstrengungen relativiert: „Können wir mit dem Freiherrn von Schröder rechten, dass er ein Kind seiner Zeit war, dass er die glänzenden Virtuosen mehr als die Außenseiter schätzte, die oft der Kunst seiner Zeit neue Wege öffneten? Ist es sinnvoll oder müßig festzustellen, dass sich in seiner Sammlung keine Bilder von Courbet oder von Manet befinden? Zumindest müsste man hinzufügen, dass er auch keine Bilder von Frederick Leighton und Adolphe William Bouguereau - Halbgötter seiner Zeit - besessen hat." Und hoffte zugleich nicht ohne Bescheidenheit, „dass das, was wir heute an Kunstwerken unserer Zeit erwerben, dermaleinst mit Anstand bestehen wird. Wir sammeln, was uns von der heutigen Kunst als wesentlich erscheint. Dabei haben wir Lichtwark im Ohr: ‚Aber wir können ja keinen Wechsel auf die Zukunft ausstellen'."


 

Berlin, im November 2007
Peter-Klaus Schuster


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