Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Evelyn Weiss ist tot



Unter den Repräsentanten der deutschen Museen war Evelyn Weiss eine der wenigen Persönlichkeiten von internationaler Statur. Wie ein Fisch im Wasser bewegte sie sich in der internationalen Kunstszene von London bis New York, von Paris bis Hongkong, von Moskau bis Köln. Die Tochter einer ungarischen Mutter und eines englischen Vaters war polyglott. Die meisten Weltsprachen beherrschte sie fließend, und einige andere außerdem. In Rom wurde sie geboren, in Bonn und Wien studierte sie Kunstgeschichte, in Paris begann sie ihre Laufbahn und in Köln bekleidete sie bis zum März 2003 das Amt eines Stellvertretenden Direktors am Museum Ludwig.

Als sie am Wallraf-Richartz-Museum die ersten Schritte im Reich der Museen absolvierte, war eine deutsche Museumsdirektorin noch die Ausnahme. Ihren weit über Deutschland ausstrahlenden Ruf bezeugen die vielen ehrenamtlichen Führungspositionen in nationalen und internationalen Museums- und Kunstkritikergremien. Sie war lange Zeit Vizepräsidentin der AICA, des internationalen Kunstkritikerverbandes, und vertrat häufig auch dessen deutschen Zweig in den jährlich stattfindenden internationalen Generalversammlungen. „Wir werden Evelyn vermissen", schrieb AICA-Präsident Henry Meyric Hughes in einem Brief an Walter Vitt, „ihr Wissen, ihre Freundlichkeit, ihre wunderbare Fähigkeit zur Zusammenarbeit." Ihre lebhaften und meinungsfreudigen Berichte anlässlich der deutschen Jahresversammlungen über die internationalen Zusammenkünfte, die bisweilen mit kritischen Anmerkungen nicht sparten, voller Biss, aber mit gewinnendem Charme vorgetragen, sind allen Teilnehmern noch in lebhafter Erinnerung. Evelyn Weiss war, wie Kasper König, der Direktor des Museums Ludwig, freimütig einräumte, der geheime „Außenminister" des Hauses; und sie half dem Institut mit Geschick und Diplomatie über manche Untiefen hinweg, in die es während seiner noch kurzen Geschichte geriet. Ihre Name ist mit großen Ausstellungen verbunden: Retrospektiven von Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Kasimir Malewitsch, Aleksander Rodtschenko, Ljubowa Popowa, Jürgen Klauke, Bernard Schultze oder Ursula etwa.

Evelyn Weiss war mehrfache Kommissarin der Biennale von Sao Paulo und verhalf zahlreichen Künstlern wie Klaus Rinke, Georg Baselitz, Hanne Darboven, Sigmar Polke, Palermo oder Anselm Kiefer zur internationalen Geltung. Im Rheinischen Landesmuseum Bonn richtete sie unter meiner Ägide Kiefer seine erste museale Solo-Schau ein. Ich habe häufiger mit ihr zusammengearbeitet. Am intensivsten bei der documenta 6. Wir waren Mitglieder des documenta-Rates, dessen Aufgabe es war, die nächste documenta nach dem Schock der fünften, die Harry Szeemann sogar Regressforderungen seitens der Stadt Kassel eingetragen hatte, konzeptionell vorzubereiten. Stattdessen zerstritt sich die versammelte Kompetenz gründlich, und wir beide waren es, die neben dem Vorschlag, die Ausstellung um eine Jahr zu verschieben, auch das berühmt-berüchtigte Medienkonzept lancierten. Obwohl nicht minder umstritten als ihre Vorgängerin, etablierte die sechste documenta die Fotografie endgültig als legitimes künstlerisches Medium und leitete das Medienzeitalter auch in der Kunst ein.

Doch zuallererst war Evelyn Weiss eine leidenschaftliche Kustodin. Im Focus ihres beruflichen Interesses stand stets der Aspekt des Sammelns im öffentlichen Auftrag und dem virtuellen der kommenden Generationen. Sie war die Vertraute von Peter Ludwig, und dank ihrer Weitsicht und ihres Engagements gelangten zahlreiche Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst dauerhaft in den Besitz der Öffentlichkeit. Ich habe ihren Enthusiasmus geschätzt, ihre Spontaneität und ihre Offenheit. Die intensiven Gespräche auf den Reisen, die wir gemeinsam in künstlerisch-kuratorischer Mission unternahmen, haben meine Sicht auf die Kunst entschieden bereichert. Besonders, wenn wir nicht einer Meinung waren. In der Nacht zum 12. November 2007 ist Evelyn Weiss im siebzigsten Lebensjahr stehend nach schwerer Krankheit viel zu früh gestorben. Auch die deutsche Sektion der AICA wird sie schmerzlich vermissen.


 

 

 

Bonn, im November 2007
Klaus Honnef


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