Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Administration der Kritik oder...



Kritik der Administration? Zwischen diesen beiden Polen kann die Funktion eines Kritikerverbands wie der der deutschen Sektion der AICA beschrieben werden. Aber die Darstellung wäre zu kurz gegriffen, beließe man es dabei. Was also kann ‚Administration der Kritik' bedeuten und was deren Umkehrung?
Auf den ersten Blick besteht ein Widerspruch zwischen Kritik und Administration. Letzteres kennt ein Regelwerk und deren konkrete Umsetzung in vorgegebenen Grenzen. Die Kritik dagegen ist frei flottierend und dennoch dem ‚Gegenstand' zugewandt. Der Produzent beziehungsweise die Produzentin ist in den Grenzen des Publikationsorgans frei. Dass diese Freiheit nur eine beschränkte ist, wird dem frei schaffenden Kollegen wohl eher auffallen als dem fest angestellten Kollegen. Welche Vorgaben und Grenzen sind hier internalisiert, ohne dass sie thematisiert werden? Der Kritikerin ohne Bindung an ein konkretes Publikationsorgan können die gleichen Fragen gestellt werden, aber es ist zu hoffen, dass sie eine andere Antwort finden. Was bedeutet dann in diesem Zusammenhang die ‚Administration der Kritik'? Zum einen die konforme Abwicklung eines Textes vom Auftrag über die Korrektur bis zum Satz. Eine spezifische Regelmäßigkeit muss sogar für den frei schaffenden Kritiker angenommen werden, die als administrative Vorgänge verstanden werden können. Beide aber verbindet ein gemeinsames Momentum: die Ansprache an ein Publikum. Der Kritiker ist in diesem Sinne auch und gerade Publizist. Ist der Kurator dann in dem gleichen Sinn dann nicht auch Publizist? Und sollte der Verband dann nicht auch stärker sein Augenmerk auf Kuratoren richten, auch wenn sie Mitglied in der ICOM sind?

Für den Kritikerverband aber bedeutet die Administration der Kritik zuallererst eine Vertretung der Kritiker und Kritikerinnen, seien sie selbstständig tätig oder angestellt. Dabei kann der Verband nur unter Bedingungen arbeiten, die gewollte Beschränkungen bedeuten wie zum Beispiel Tarifverhandlungen. Er mag an passender Stelle seinen Kommentar dazu geben. dass fest angestellte Redakteure unter erhöhtem Leistungsdruck stehen und die freien Kollegen sich dagegen auf dem Markt für einen Apfel und ein Ei verkaufen müssen. Den Stellenwert der AICA Deutschland (um eine gekürzte Redeweise für AICA deutsche Sektion einzuführen) zu erhöhen, bedarf es besonderer Strategien. Zum einen sollte die Zahl der Mitglieder erhöht werden. So hat die österreichische AICA proportional zur Bevölkerung sehr viel mehr Mitglieder. Die Ausweitung auf ‚Publizisten' dient diesem Zwecke genauso wie die konkrete Ansprache auch an jüngere Kollegen und Kolleginnen. Zum zweiten muss die AICA stärker in die Öffentlichkeit gehen. Erst Pressemitteilungen zum gegebenen Thema zur richtigen Zeit bringen dem Verband eine Öffentlichkeit, die ihm dann Gehör zu anderen Anlässen leiht. Die alljährliche Preisverleihung kann durch diese Strategie nur gewinnen, weil die Veranstaltung nicht ein schöner Solitär bleibt. Die Administration der Kritik darf sich nicht in der Organisation dieser Preisverleihungen erschöpfen, sie muss auch Wege finden, auf die Kritik der Administration zu reagieren.
Unter ‚Kritik der Administration' soll hier die Administrationskritik (als genitivus subiectivus) verstanden werden, wie sie Beaucamp in seiner Brandschrift ‚Die kapitalistische Moderne' (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.4. 208) gegeißelt hat. Tatsächlich war der Text ein Glücksfall für die Kunstkritik, weil er diese Form der Auseinandersetzung mit kulturellen Phänomenen in das Licht der Öffentlichkeit stellte. Gute Kritik ist auch immer Kritik der Kritik, könnte man hier anfügen. Insofern war dieses Jahr eine gelungenes Jahr für die Kunstkritik. Dass sie andererseits noch mehr Öffentlichkeit und mehr Podien braucht, wurde allerdings auch sichtbar. „Nebenwege zu suchen und Gegenstrategien zu entwickeln" ,wie sie Beaucamp als ultima ratio in der gegebenen Situation sieht, braucht andere Podien und eine andere Aufmerksamkeit. Im besten Falle ist eine ‚Schule der Kritik der Kritik' ein Desiderat, dem sich die deutsche AICA widmen kann. Denn es ist auch offensichtlich, dass die Kritik zum Teil an ihrer eigenen Bedürfnislosigkeit krankt. Die Alternative zwischen Zeilengeld und kritischer Auseinandersetzung darf erst gar nicht als eine Option gedacht werden. Die kritische Auseinandersetzung darf und soll Schärfe aufweisen und Meinung sein. Insofern ist der erwähnte Text von Eduard Beaucamp auch ein Beispiel für eine gelungene Kunstkritik.
So bleibt die Kritik der Aministration auch eine Desiderat der Administration der Kritik. Beides aber ist im wesentlichen darauf angewiesen, dass man sich an ihr beteiligt, dass ihr widersprochen wird. Die deutsches Sektion der AICA ist kein Präsidiumsverein, sondern ein Organ der Kritik und der Selbstkritik. Er ist angewiesen auf die Stimmenvielfalt ihrer Mitglieder und Mitgliederinnen und deren Beitrag. Vorstand und Präsident sind Funktionen, die im Zusammenspiel mit den Mitgliedern erst wirksam werden können. In diesem Sinne sind Reaktionen, Aktionen und Differenzen willkommen und erwünscht.


 

 

Berlin, 17.12.2008
Thomas Wulffen


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