Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Besondere Ausstellung 2009

Gestern oder im 2. Stock. Karl Valentin. Komik und Kunst seit 1948
im Münchner Stadtmuseum, kuratiert von Michael Glasmeier und Wolfgang Till

Dass wir es mit einer "besonderen Ausstellung" zu tun haben, wird schon am Eingang deutlich, wo ein Schild "Betreten der Ausstellung verboten" prangt, der dahinterliegende Raum nur durch eine Plastikplane betretbar ist, die man beiseite schieben muss, und alles auch so aussieht wie auf einer Baustelle.

Da es um "Komik und Kunst" geht, liegt der Verdacht nahe, dass das Schild nicht ganz ernst gemeint ist, und tatsächlich ist es bereits ein Beitrag zur Ausstellung und zwar ein Werk von Timm Ulrichs.
Die Besucher, die das durchschaut haben und trotzdem in die Ausstellung gehen, sind jedenfalls vorgewarnt, dass eine klassische White Cube - Präsentation nicht auf sie wartet.
Dicht gedrängt begegnen wir der Überfülle des Materials, das bewusst ohne Hierarchisierung der Medien Video, Film, Zeichnung und Malerei gleichwertig nebeneinander stellt. Auch still ist es nicht, denn während man sich gerade zu orientieren versucht, muss man den finnischen Sänger Numminem ertragen, der zu einem Karnevalsmarsch mit nervtötender Quieckstimme Wittgensteins Satz "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" ertönen lässt. Auch in einem von Frieder Bitzmann eingerichteten Studio kann man "Komische Musik" hören.
Die rund 100 Namen umfassende Künstlerliste enthält bekannte Namen wie Sigmar Polke, Fischli & Weiss, Georg Herold und Erwin Wurm, daneben auch weitgehend unbekannte wie Roland Albrecht oder Christiane Seiffert.
Berühmtheit ist hier jedoch kein Wert-, auch kein Auswahlkriterium, sondern der direkte oder intentionale Bezug zum Schaffen des Münchner Komikers Karl Valentin, der 1948 starb - deshalb Komik und Kunst seit 1948 - dessen Erfindungsreichtum früh von bildenden Künstlern erkannt und aufgegriffen wurde. So kann Karl Valentin als Vorläufer oder Anreger vieler späterer Performance- und Installationskunst gelten. Vor allem dort, wo Humor und Komik in der Kunst walten, was ja bei weitem nicht überall der Fall ist, ist Valentin geradezu ein Säulenheiliger, so bei den Fluxus-Künstlern, die sein Werk gut kannten.
George Brecht nannte ihn "The greatest philosopher of the 20th century" und widmete ihm 1982 sein Werk "Karl Valentin bummelt durch den Englischen Garten an einem schönen (oder nebligen) Frühlingstag", einen goldenen Rahmen, der jedoch keinen Ölschinken enthält, wie ihn Thomas Kapielski 1984 gegenständlich gemalt hat, sondern gar kein Bild, dessen Gestaltung er der Vorstellung der Betrachter überlässt.
Ein besonders großer Valentin-Fan war Tomas Schmit, der ebenfalls 1982 bekundete:"Ich finde, dass Valentin einer war, der sowohl das Unterhaltungsbedürfnis des so genannten Volkes als auch das Progressionsbedürfnis des intellektuellen zu befriedigen wusste!!! Das hat es doch, grob gesagt, seit Shakespeare nicht mehr gegeben."

Dass Karl Valentin wirklich in einem Atemzug mit Shakespeare zu nennen ist, würden viele Künstler unterschreiben, wohl auch Günter Brus oder der heutige Shooting-Star Marcel van Eden, die sich in Zeichnungen ebenfalls direkt auf ihn beziehen. Und sicher auch Christian Boltanski, der sein "Komisches Werk" Anfang der neunziger Jahre dem Valentin Museum in München stiftete, das in seiner ständigen Sammlung das eigene Werk Valentins zeigt und das man parallel zur Ausstellung im Stadtmuseum unbedingt auch besuchen sollte.

Die Ausstellung ist ein Plädoyer für das scheinbar Abseitige, Querständige, Unscheinbare und Beiläufige. Eine wichtige Ausstellung, die sich der Kategorie der Wichtigkeit systematisch verweigert. Und sie unterfüttert eine These, die Jörg Heiser 2007 in "Plötzlich diese Übersicht" aufgestellt hat, dass nämlich der Slapstick und die Unterhaltungskultur eine der zentralen Inspirationsquellen der modernen und zeitgenössischen Kunst seien. Ähnliches gilt für die Karikatur, die von Karl Valentin mit der Inszenierung seiner selbst verbunden wurde. Karl Valentin war eine "Lebende Karikatur", ein Komiker, der aber nicht nur Spaß machte, sondern auch ein Spiel mit den Nerven des Publikums trieb, der Komik mit Schock- und Gruseleffekten verband wie in seinem "Panoptikum", das 1937 von Samuel Beckett besucht wurde und in der Versammlung des Inkohärenten ein Vorläufer vieler späterer Künstlermuseen ist.

Sie sehen, es ist kaum möglich, diese reichhaltige Ausstellung in wenigen Worten auch nur halbwegs zu erfassen. Auch die Publikation allein ist sehr lohnenswert, dokumentiert alle künstlerischen Beiträge und enthält einen längeren Essay des Kurators Michael Glasmeier, der schon in seiner 1987 erschienenen Dissertation über Karl Valentin umfangreiche Forschungen zu dessen Rezeption in der Kunst vorlegte, die leider noch nicht zu kunstgeschichtlichem Allgemeingut geworden sind.

Und so findet eine Ausstellung zu Karl Valentin und der Kunst auch 2009 nur in dem vom zeitgenössischen Kunstdiskurs gewöhnlich nicht beachteten Münchner Stadtmuseum statt und nicht im Haus der Kunst oder hier in Berlin in der Neuen Nationalgalerie. Dabei müssten doch andere Institute eigentlich Schlange stehen, um solch eine anregende und auch unterhaltende Ausstellung zu übernehmen. Da die Ausstellung noch bis zum 15. November läuft, ist meine Wahl auch ein Plädoyer dafür, dieser von der Presse bisher kaum beachteten Schau noch möglichst viele Besprechungen zu widmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin, 22.09.2009
Ludwig Seyfarth


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