Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Bericht vom AICA Kongress 2009 in Dublin



Dieses Jahr hatten die Iren die Aufgabe übernommen, den Kongress und die Jahresversammlung zu organisieren. Das gelang ihnen, aber man bemerkte die Anstrengung, die hinter ihnen lag, noch an. Und die Vortragenden auf dem Kongress mögen sich auch gewundert haben, dass sie bei konkreten Nachfragen nur Antworten von dem für den Kongress beauftragten Organisationsbüro bekamen.
Aber Dublin, die Stadt von James Joyce und anderen großen Dichtern, ist eine Reise wert, vor allem im Frühjahr. Aber auch im Frühwinter konnte die Stadt ihre Reize nicht ganz verbergen, auch oder gerade dann wenn man seine Orientierung verloren hatte. Für die offiziellen Repräsentanten der AICA galt es allerdings schon einen Tag vor dem Kongress anzureisen zum International Board Meeting im Irish Museum of Modern Art. Der hiesige Präsident konnte zu diesem Anlass vermelden, dass die Deutsche AICA den Kongress und die Jahresversammlung für das Jahr 2011 vorbereiten wird. Und der Verband wächst an Mitgliedern, aber der Zulauf zur Jahresversammlung kann oder will damit nicht Schritt halten. Auf der Sitzung wurde deutlich, dass es anderen nationalen Verbänden nicht besser geht, obwohl sich nur wenige dazu meldeten.
Der nächste Tag sah die Eröffnung des Kongresse mit einem Willkommen von Yacouba Konaté und des Keynote Speakers Suzanne Anker. Sie ist gleichzeitig Wissenschaftlerin und Künstlerin und stellt so in persona das Tagungsthema dar: 'Die Beziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft: Komplizenschaft, Kritikalität, Wissen.' Man fühlte sich erinnert an den Ausspruch „Ach, Luise, lass ... das ist ein zu weites Feld" aus Fontanes 'Effie Briest'. Und zuweilen schweiften die Vorträge ins Spekulative und näherten sich allzu deutlich anderen Interessen als den intellektuellen zu, soll heißen im Hintergrund standen wirtschaftliche Verbindungen. Derartige Referenzen aber stießen im Publikum auf weitgehende Skepsis, wenn nicht Ablehnung. An drei Tagen 21 Vorträge unterschiedlichster Qualität mussten überwunden werden, und wären da nicht solche Performer wie William Messer oder Angus Stewart wäre die Zeit noch langsamer verstrichen. Passend zur Eröffnung einer Ausstellung zum Werk und Leben von Francis Bacon (s.u.) erzählte letzterer von Erlebnissen mit dem Maler, der eine Art Freund war, das alles natürlich 'off the record', so der Titel seiner Darstellung.
Der erste Abend sah ein Willkommen im Irish Museum of Modern Art vor. Das schöne Gebäude, etwas außerhalb des Zentrums, wollte seine Schönheit in der Dunkelheit nicht so schnell Preis geben. Neben Arbeiten von Ilya and Emilia Kabakov, Julian Opie oder Stephan Balkenhol wurde auch zum ersten Mal eine neu angekaufte Arbeit von Liam Gillick gezeigt.
Der nächste Tag sah die Fortsetzung des Kongresses mit diversen Beiträgen, die zuweilen mehr Marketing waren als Inhalt. Je 'lauter' der Vortrag, desto abgehobener das Thema. Danach war man froh, dass man sich dem geleiteten Treiben in den Strassen Dublins überlassen konnte, um dann und wann auf eine Galerie zu stoßen. Was deren Profil angeht sind sie genauso unterschiedlich wie in Köln oder Berlin. Die eine widmet sich der Künstlerpflege, die andere der Pflege des jeweiligen Werks. Und natürlich haben wenige Galerien auch internationale Kontakte. Dass die Künstlergalerie aussieht wie eine Künstlergalerie, klein und kuschelig, während die internationale Galerie wie eine solche aussieht und jeden weiteren Vergleich nicht scheuen muss, ist ebenso klar.
Der darauffolgende Tag bot am Ende einen Höhepunkt des Kongresses: die Eröffnung der Ausstellung zum 100. Geburtstag von Francis Bacon, ein berühmter Sohn der Stadt an der Liffey, am 28. Oktober 1909 geboren dort selbst. Die Ausstellung selbst bot wenige Gemälde auf, aber dafür umfangreiches Dokumentationsmaterial wie Fotobögen, Schriften und ein Wiederaufbau des Ateliers des Künstlers in der Galerie selbst . Gleich nebenan fand sich eine Möglichkeit via digitaler Medien das Archiv zu durchsuchen. Ausdruck der Würdigung des Malers war die Eröffnungsansprache durch die irische Präsidentin Mary McAleese. Leider hat mir der Steidl Verlag kein Presseexemplar zukommen lassen und vor Ort war der Pressesprecher nicht zu finden.
Den darauf folgenden Tag verbrachten die Kongressteilnehmer in zwei Bussen, die uns nach Cork 'entführten' und uns die Möglichkeit gaben, das Grün Irlands zu entdecken, unter einem sehr grauen Himmel. Zu entdecken war darüber hinaus, dass selbst ein kleines Dorf ein veritables Kunstmuseum aufweisen kann. Es handelte sich um The Visual Centre of Contemporary Art in Carlow. Außerdem besuchten wir die Lewis Glucksman Gallery, die Crawford Municipal Gallery und die National Sculpture Factory in Cork. Wer jetzt die Homepage besuchen will, wird darauf hingewiesen, dass die Glucksman Galerie geschlossen ist wegen Überflutung der unteren Stockwerke. Da haben wir Glück gehabt. Ein Teilnehmer fand Carlow so schön, dass er nicht rechtzeitig den Weg zurück zum Bus fand und die Personen im Bus die gleiche Strecke zweimal fuhren.
Zumindest wurde an diesem Tag bewiesen, dass Kunst und Kultur auch in der Peripherie leben können, auf eine sehr überzeugende Weise. Und im nächsten Frühsommer machen wir uns wieder auf den Weg nach Dublin, wenn das Grün noch gar nicht richtig grün ist.


 

Berlin, 16.12.2009
Thomas Wulffen


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