Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Zum Kölner Bilderfälscher-Prozess



Es ist hoch irritierend, dass sich der Bilderfälscher Wolfgang Beltracchi im jetzt abgeschlossenen Kölner Prozess immer wieder in seinem (vermeintlichen) Talent sonnen durfte, nicht allein durch Worte seines Verteidigers, der es einen Jammer nannte, dass Beltracchi sein „beträchtliches Talent nicht in den Dienst der Kunst gestellt" habe.
Ja, warum hat er nicht? Talentvoll zu malen, ist eine Sache, eine andere ist es, eine eigene, unverwechselbare und in der Kunstwelt bisher nicht bekannte bildnerische Idee und Handschrift zu entwickeln. Es dürfte Tausende (ich wiederhole: Tausende) von gut ausgebildeten Malern in Deutschland geben, die - gleich Beltracchi - Bilder von Pechstein, Max Ernst, Campendonk, von wem auch immer, zu kopieren oder zu fälschen vermögen.
Aber allein malerisches Talent reicht nicht aus, wenn Kunst anerkannt sein will oder gar den Anspruch hat, in die Kunstgeschichte einzugehen. Es geht u. a. um eine neue Sicht auf die Welt, um eine neue Formen-Ordnung, eine andere Malstruktur als die vorhandenen usw., usf. Und selbst wenn eine Malerin oder ein Maler diese neue Welt in ihren Werken zu schaffen vermögen, dauert es oftmals ein halbes Künstlerleben, bis das auch allgemein gesehen und anerkannt wird, denn selbst viele Experten sehen das Neue oft nicht, weil sie mit ihren alten Maßstäben messen, vielleicht ohne es wahrzunehmen.
Manchmal ist Kunst dann auch letztlich die „Ausdauer der Hinterbliebenen eines Künstlers", wie es der Kölner Maler Heinrich Hoerle (1895-1936) einmal ironisch formuliert hat.
Kunstfälscher sind zumeist sehr gute Handwerker, sonst würden sie dieses Tun erst gar nicht riskieren, aber ihnen fehlt entweder die Kraft zu Neuem oder sie wollen den mühseligen Weg des Kampfes um öffentliche Anerkennung umgehen. Mit der Bilderfälschung fehlt ihnen die öffentliche Anerkennung gewisslich auch (es sei denn, man lobt sie bei ihrem Prozess ständig), aber das viele Geld, das sie mit ihren Fälschungen zusammen klauben, scheint sie ausreichend dafür zu entschädigen, dass sie im Stillen wirken müssen.
Hinsichtlich der positiven Gutachten, die Beltracchi für seine Fälschungen bekommen hat, wäre anzumerken, dass die Verfasser von Werkverzeichnissen nicht unbedingt geeignete Experten sind, eine Fälschung zu entlarven. Denn ihr Bemühen ist groß und lang anhaltend, verschollene Werke ihrer Künstler aufzufinden. Deshalb konkurriert in ihnen der kritische Blick auf die vorgelegten Bildwerke mit der Sehnsucht, Lücken im Werkverzeichnis zu füllen. 


 

Köln, im Oktober 2011
Walter Vitt


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