Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Gedenkrede für Erhard Frommhold. Von Rainer Beck



Am 17.10.2007 ist in Dresden unser Mitglied
Dr. Erhard Frommhold 79jährig gestorben.

Erhard Frommhold war das, was man eine geistige Institution nennt. Er gehörte zum geistigen Adel nicht nur Dresdens, sondern Deutschlands. Seine Kenntnisse und seine Bibliothek waren legendär. Er hatte Zivilcourage und Standvermögen. Was er als wahr erkannt hatte, vertrat er. Er ließ sich nicht verbiegen, hielt auch nach der Wende an seinem Abonnement des Neuen Deutschland fest, blieb weiterhin bekennender Sozialist.

Der Titel seines Hauptwerkes „Kunst im Widerstand" wirkt wie das Motto für sein eigenes Leben. Besser wäre noch „Die Kunst des Widerstands". Erhard Frommhold war ein widerspenstiger Freigeist, ein Idealist und Individualist, der seine sozialistischen Ideale mit großer Sachkenntnis eisern verteidigte. Er selbst hat mir freimütig erzählt, dass er zu Beginn seines Lebens Ende der Vierziger bis Anfang der Fünfziger Jahre, also als etwas über Zwanzigjähriger, ein gläubiger Parteisoldat gewesen sei und im so genannten Formalismusstreit um die Kunst ganz die Parteilinie, hin zu einem sozialistischen Realismus, vertreten habe. Doch schnell habe er bemerkt, dass diese Form kollektivistischer Kuns,t wie alle Form von Kollektivismus, zu katastrophalen Ergebnissen führe, dass hier der politische Gleichheitsgrundsatz mit einer angeblichen Gleichheit der Menschen verwechselt werde. Man müsse vielmehr von der Ungleichheit der Menschen ausgehen, aber von gleichen Rechten aller Menschen auf Leben und Glück, und es sei die Pflicht der Eliten, zu denen er insbesondere auch die Intellektuellen zählte, eben darauf hinzuwirken.

Ausdrücklich zitierte er in diesem Zusammenhang Käthe Kollwitz, der er sich sehr verbunden fühlte, ihr Wort von der „Bruderschaft der Menschen". Dies war für ihn der Kern der sozialistischen Botschaft, und er sah ihre Ziele nur erreichbar durch eine gegliederte Gesellschaft, die Freiraum bot für individuelle Höchstleistungen. Hierarchie war für ihn nichts Starres, sondern hatte sich stets neu zu formen aus individueller Leistungsqualität, die in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden musste. Meinen Hinweis, dass er sich mit einer solchen Haltung ganz nahe bei Erich Mühsams anarcho-sozialistischen Ideen angesiedelt habe, quittierte er mit einem zustimmenden Lächeln und dem Hinweis, dass Solidarität nicht verordnet werden könne, sondern eines der höchsten Bildungsziele sei, in ihren Inhalten stets von neuem zu hinterfragen.

Er selbst hat diese Solidarität in vorbildlicher Weise gelebt, eine Solidarität unter Intellektuellen, die nicht zuerst nach dem Bekenntnis fragte, sondern nach Substanz und Qualität der wissenschaftlichen und literarischen Arbeit. So scharte er Autoren wie Fritz Löffler, Wilhelm Fraenger oder Sidney Finkelstein um sich, deren hervorstechendste Eigenschaft eine dem Künstler geschuldete Werktreue war, und er weitete das Themenspektrum seines Verlags ins Internationale aus, was von offizieller Seite keineswegs immer geliebt war. Mit untrüglichem Instinkt, überragendem Wissen und großer Zivilcourage hat er für sich und seine Autoren Freiräume beansprucht und erkämpft, die ihm fast zum Verhängnis wurden. Zeitweise Suspendierung, drohende Parteiausschlussverfahren, Erhard Frommhold hat alles überlebt, nicht zuletzt durch seine exzellenten Kenntnisse marxistisch-leninistischer Theorie, die ihn zum gefürchteten Diskussionspartner innerparteilicher Konflikte machten. In Diskussionen mit ihm habe ich erstmals begriffen, dass es so etwas wie eine sozialistische Theologie gibt. Die Partei hatte es mit ihm schwer und er mit der Partei. Wie der fromme Katholik unter den Gebrechen seiner Kirche, so litt Erhard Frommhold unter der Partei. Doch verlassen hat er sie nicht.

Der erste, der mich auf Erhard Frommhold aufmerksam machte, war der bekennende Christ Fritz Löffler anlässlich einer Dix-Ausstellung 1971 in Stuttgart. Ich war damals gerade 24 Jahre alt und verdiente mir die ersten Sporen als Kunstkritiker für die Zeitschrift Weltkunst. Löffler sagte mir damals wörtlich: „Wenn Sie nach Dresden kommen, müssen sie unbedingt Erhard Frommhold kennen lernen. Das ist der einzige von den Genossen, den ich ernst nehme. Mit dem kann ich wunderbar streiten. Wir sind wie Don Camillo und Peppone." Es hat leider bis 1985 gedauert, bis ich zum ersten Mal eine Einreisegenehmigung in die DDR erhielt und bis 1995, dass ich Erhard Frommhold zum ersten Mal traf. Doch unbekannt war er mir schon lange nicht mehr. Voller Hochachtung hatte ich früher schon beobachtet, wie Fachkollegen, die ich selbst als kunsthistorische Quacksalber einschätzte, unverrichteter Dinge von Besuchen bei Frommhold zurückkamen. Die Geschichten bzw. Klagen danach waren immer die gleichen. Auf ihre Bitte um Unterstützung hin hatte Frommhold sie einem gründlichen Examen unterzogen, ihnen dann mitgeteilt, sie hätten zuerst einmal ihre Hausaufgaben zu machen, bevor sie ihm die Zeit stehlen würden. Und dann hat er sie einfach rausgeschmissen. So war ich auf Einiges gefasst und vorbereitet, als wir uns zum ersten Mal begegneten, und hinterher sehr erleichtert, dass ich vor seinen Augen Gnade gefunden hatte. Er war ein wunderbarer Gesprächspartner, unglaublich hilfsbereit, großzügig in der Weitergabe seines Wissens und vertrauensvoll bei der Ausleihe auch von seltensten Büchern, die ein Vermögen wert waren.

Vor einem Jahr sprachen wir ganz offen über seinen schlechten Gesundheitszustand und den Tod. Natürlich hatten wir unterschiedliche Meinungen dazu. Und als ich ihm sagte, er sei der Einzige, für den ich jemals in meinem Leben hinter einer roten Fahne herlaufen würde, schaute er mich listig an und bemerkte, das sei mehr als man von einem Schwarzkittel erwarten könne. Der Humor verließ ihn nie. Wir alle haben ihm, jeder auf seine Weise, viel zu danken, zuallererst die Gewissheit, dass es so etwas wie die Solidarität der Intellektuellen über alle Bekenntnisse hinweg tatsächlich geben kann, eben eine „Bruderschaft der Menschen".

 

 

 

Coswig, im November 2007
Rainer Beck


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