Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Ein großer Anreger / Zum Tod des Kunsthistorikers Lothar Romain

Ein ungewöhnlicher Kunsthistoriker ist von uns gegangen. Am 14. Juli starb in Berlin Lothar Romain. Seit 1996 war er dort Präsident der Universität der Künste gewesen. Er hat dabei Großes geleistet – aber auch schon vorher scheute er vor keiner Gremienpräsenz, weder vor Kulturpolitik noch vor Kulturmanagement, zurück. Gesellschaftliche Einbindung und künstlerische Autonomie verstand er immer als Pole, zwischen die seine Arbeitsbiografie gespannt war. Zur AICA gehörte er ein Vierteljahrhundert.

Im vorletzten Kriegsjahr geboren, studierte Romain in Köln Kunstgeschichte, Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie. Beim Südwestfunk lernte er als Redakteur dann die praktische Seite der Kulturvermittlung kennen. Anschließend diente er als Referent für den SPD-Vorstand in der Baracke, danach war er Feuilleton-Chef beim „Vorwärts“. Seit 1991 lehrte Romain an der Kunstakademie in München. Als Präsident der Berliner Universität der Künste wurde er später zum Sprecher sämtlicher deutschen Kunstakademien gewählt.

Die Liste seiner Funktionen und Würden ließe sich lange fortsetzen, aber Daten und Positionen zeichnen gerade von diesem Kunsthistoriker ein unzureichendes Bild. Drei Jahrzehnte lang stand Romain, ohne jeden Aktionismus, als einer der großen Anreger, Berater, Bewirker aufseiten der Kunst. Zweimal war er mein wichtigster Gesprächspartner auf dem Weg zur Documenta 6 und 8. Im Lauf der 30 Jahre, die wir nun befreundet waren, nahm sein unternehmungskühner Aufbruchsgeist immer wieder Projekte ins Visier, die Schule machten. Schon in den 1970er Jahren, erfand er, gemeinsam mit Rolf Wedewer, die sozial fokussierte, analytische Themenausstellung. Als Kurator betreute er den ersten Rückblick auf „Positionen“ bundesrepublikanischer Malerei in der damaligen DDR (1986) oder versammelte deutsche Außenplastik „Bis Jetzt“ in Hannover (1990). Was hat er nicht alles initiiert, organisiert und mit seiner besonnenen Energie begleitet! Die viel vermisste Zeitschrift „Orte – Kunst für öffentliche Räume“ war auch sein Geisteskind. Andere Zeitschriften brachte er zu früh oder unter unguten Bedingungen ins Spiel.

Umso größere Genugtuung durfte er mit seiner mutigsten, anspruchsvollsten, publizistischsten Idee erfahren, die er gemeinsam mit Detlef Bluemler 1988 verwirklichte und die beide erfolgreich fortentwickelt haben. Unter dem Titel „Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst“ besteht und gedeiht es nun schon im 17. Jahr. Es ist auf über 500 Hefte angewachsen, ein einzigartiges lexigrafisches Kompendium nach vorne. Auch etliche Kunstpreise gehen auf die sanfte Überzeugungskraft von Lothar Romain zurück. Genug schon für ein einziges Kunsthistorikerleben! Daneben schrieb er noch gut 30 Bücher, darunter wichtige Monographien über Warhol, Heiliger, Bernard Schultze, sowie ungezählte Katalogaufsätze und andere Beiträge zur zeitgenössischen Kunst. Sein nachdenklicher Stil reflektiert die Anschauung und lässt Reflektionen anschaulich bleiben. Für viele junge KünstlerInnen war er der erste Autor oder Eröffnungsredner, der ihrem Selbstverständnis sichere Grundlinien vorgab. Insgesamt – weit mehr als ein Lebensvorspiel zur Präsidentschaft der Universität der Künste, die in ihrer heutigen Form der letzte große Beitrag Romains zu einer Neugründung ist. Das überdehnte, kaum hantierbare Institut verdankt ihm Modernisierung und Gangbarkeit, vor allem die Straffung der elf Fachbereiche zu vier Fakultäten. Viele werden ihn vermissen. Nicht nur den Präsidenten, auch den guten Freund.

Köln, im Juni 2005
MANFRED SCHNECKENBURGER


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