Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Zum Tod von Kurt Leonhard / Von Walter Vitt

Die deutsche AICA beklagt den Tod ihres langjährigen Mitgliedes Kurt Leonhard.
Der Kritiker, Dichter und Übersetzer ist am 10. Oktober in seiner Wahlheimat Esslingen im Alter von 95 Jahren gestorben. Kurt Leonhard hatte sich zuletzt ganz zurückgezogen – exakt so, wie er es in den letzten zwölf Zeilen seines Gedichts „Absage“ von 1951 beschrieben hatte: „...keine Hast mehr / kein Hort mehr / keine List mehr / keine Last mehr / keine Lust mehr / kein Feind mehr / kein Freund mehr / kein Gast mehr / kein Wirt mehr / kein Wert mehr / kein Wort mehr / AMEN“.
Noch 1997 hatte er der AICA seine 1994 verfassten Aphorismen zum Thema „Ist Kunst mehr als ‚Kunst’?“ in seiner wunderbaren Handschrift überlassen. Ich druckte diese – wie er sie nannte – „Denkversuche“ faksimiliert im Anhang zu Heinrich Hahnes Essay „Sprache und Kunstkritik“ (Band 5 der „Schriften zur Kunstkritik“, Köln 1997, S. 33-40).
Geboren am 5. Februar 1910 in Berlin, studierte er dort Kunstgeschichte und Philosophie, brach das Studium aber 1936 ab, weil sein Promotionsthema über Marées, Hildebrand und Fiedler „politisch unerwünscht“ (Leonhard) war. Er wirkte in Berlin als Kunsthändler und Verlagslektor, ehe er 1941 in den Krieg musste. 1946 kehrte er aus amerikanischer Gefangenschaft in Italien nach Deutschland zurück, um sich in Esslingen am Neckar niederzulassen, wo er Mitbegründer und erster Geschäftsführer der Volkshochschule wurde.
1947 begann er, über moderne Kunst zu schreiben. Er nannte seine Texte „engagiert zur Vermittlung moderner und zeitgenössischer Kunst“. Noch 1947 erschienen sie gesammelt im Werk „Die heilige Fläche“, das heute ebenso als Kultbuch gilt wie sein „Augenschein und Inbegriff“ von 1955. Seine Lyrik ist ohne Zweifel durch Dada angeregt. Viele seiner Gedichte gehören für mich zum festen Bestand der Dichtkunst im 20. Jahrhundert; zu Recht hat Axel Marquardt vier Beispiele aus der lyrischen Produktion Leonhards in seine 1992 erschienene Anthologie „100 Jahre Lyrik – Deutsche Gedichte aus zehn Jahrzehnten“ aufgenommen. Leonhards Verse stehen für den „Bewusstseinsriss“ (Marquardt), den das inhumane 20. Jahrhunderts von allen seinen Vorgängern trennt. Seine Position als Vertreter einer „kritischen Moderne“, die so ohne Nietzsche nicht denkbar wäre, wird auch deutlich, wenn man sich vor Augen führt, für welche Autoren sich der Übersetzer Leonhard engagiert hat: Paul Valéry, Henri Michaux, E.M. Cioran, Romain Rolland.
Dass ihn seine Familie in der Todesanzeige mit einem seiner Gedichte verabschiedet hat, zeigt den ganzen Respekt, der auch im Privaten seiner Dichtkunst gilt. Die Verse sollen auch hier stehen: „Ich liege / Völlig entspannt / Will nichts / Weiß nichts / Denke nichts. / Ich bin alles / Alles ist nichts“.

Köln, im Oktober 2005
W.V.


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