Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Karl Ruhrberg zum Gedenken / Von Horst Richter

Karl Ruhrberg war eine Persönlichkeit der besonderen Art. Er hat die deutsche Kunstszene seit den frühen sechziger Jahren bewegt, war in ihr unübersehbar präsent - und dies als Museumsmann wie als Ausstellungsmacher, als Kunstkritiker wie als Organisator nationaler und internationaler Projekte. Er ist an die Aufgaben, die sich ihm stellten, mit großem Engagement herangegangen und hat sie Lösungen zugeführt, die unverkennbar seine Handschrift trugen.

Dabei reichte die Vielfalt seiner Begabungen weit über den Bereich der bildenden Kunst hinaus. Ruhrberg war fasziniert vom Theater, studierte in Köln neben der Kunstgeschichte auch Theaterwissenschaft und Germanistik und wurde schließlich Chefdramaturg der Deutschen Oper am Rhein, bevor er 1965 zum Gründungsdirektor der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf avancierte. Anderen Verlockungen hatte er schon zuvor nicht widerstehen können, vor allem denen des Sports, wobei neben dem Amateurboxen das Fußballspiel seine frühe Qualifikation als Sportreporter begründeten, ehe er von 1956 bis 1962 als Redakteur zum Feuilleton der "Düsseldorfer Nachrichten" wechselte.

1972 folgte der gebürtige Wuppertaler dem Ruf nach Berlin, um dort für mehr als sechs Jahre das Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu leiten. Es waren, wie er selbst meinte, "die vielleicht schönsten" Jahre seines Berufslebens, konnte er doch "mit den Künstlern nicht nur Ausstellungen machen, sondern mit ihnen leben, sie zusammenbringen und Konzepte gemeinsam entwickeln". 1978 kehrte er ins Rheinland zurück, um maßgeblich am Aufbau des zwei Jahre zuvor gegründeten Kölner Museums Ludwig mitzuwirken. Anfangs erfolgreich, ergaben sich aber schon bald Zuständigkeits- und Verwaltungsprobleme, die ihn 1984 zur Auflösung seines Direktorenvertrages veranlassten. Drei weitere Jahre war er dann noch als künstlerischer Berater der Stadt Köln tätig, ehe er sich "in freier Arbeit" ganz seinem eigenen Programm verschrieb, als Ausstellungsmacher, als Juror, auch als Berater und vor allem als Autor von mehreren umfangreichen Kunstbüchern.

In zahlreichen Aufsätzen aus jeweils aktuellem Anlass hat Ruhrberg zur Kunstszene wie zur Kulturpolitik Stellung genommen und dabei "die Daseinsberechtigung der Kunstfreiheit" verteidigt, wie es Eberhard Roters zum 70. Geburtstag Ruhrbergs formulierte, in einer stattlichen Hommage, die 1994 nicht zufällig unter dem Titel "Der streitbare Liebhaber - Kunst gesehen durch ein Temperament" erschien. Darin Ruhrberg selbst: "Auch in der Kunst, so meinen viele, sei Ruhe die erste Bürgerpflicht. Das Gegenteil ist richtig: Unruhe ist die erste Kunstpflicht".

"Charlie", wie Freunde und Kollegen ihn nannten, war ein offener Mensch. Er dachte und sprach unverschlüsselt, äußerte seine Meinung direkt, auch oder gerade, wenn er mit Widerspruch rechnen musste. Talente besaß er in vielen Bereichen des Lebens, erprobte und nutzte sie. Er hatte eine spezielle Begabung, neue Erkenntnisse aufzunehmen, sachkundig zu prüfen und in die Fortentwicklung seiner Ideen einzubeziehen. Die Wirkungen seiner Argumentation waren sowohl seiner Überzeugungskraft zuzuschreiben als auch seiner persönlichen physischen Präsenz, die schlichtweg unumgehbar blieb.

Zu seinen wichtigsten Buchpublikationen gehören die Monographien über Werner Gilles (1961), Bernard Schultze (1984), Emil Schumacher (1987), Georg Meistermann (1991), Alfred Schmela (1996) und Hundertwasser (1998) sowie die repräsentativen Übersichtswerke "Der Schlüssel zur Malerei von heute" (1965), "Kunst im 20. Jahrhundert im Museum Ludwig" (1986), "Die Malerei unseres Jahrhunderts" (1987, ²1997), "Die Malerei in Europa und Amerika" (1992) sowie "Die Kunst des 20. Jahrhunderts", Band 1 (1998).

Ruhrberg hat sich nicht zuletzt nachhaltig für die AICA engagiert. Von 1970 bis 1975 war er Präsident der Sektion der Bundesrepublik Deutschland. In diesen Jahren sorgte er für die grundlegende Neuordnung des Verbandes, was schließlich seine Ernennung zum Ehrenmitglied begründete. Am 5. April 2006 ist Karl Ruhrberg im 82. Lebensjahr gestorben, in Oberstdorf, der Heimat seiner liebevollen Frau Elfriede.

Köln, im April 2006


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