Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD



Walter Vitt zum Siebzigsten

Seit dem Herbst 1989 präsidiert Walter Vitt den deutschen Zweig des Internationalen Kunstkritikerverbandes (AICA). Länger als jeder seiner Vorgänger. Und wäre er noch weiter bereit und würden die neuen Statuten es nicht verhindern – die jährlich stattfindende Versammlung der Mitglieder fände nichts dabei, ihn alle drei Jahre immer wieder mit überwältigender Mehrheit im Amt zu bestätigen.

Dennoch hat er so gar nichts mit jenen sich peinlich anbiedernden Mediengeschöpfen aus Politik und Kultur gemein, die mit jedem Satz und jedem Blick um die Gunst des Publikums buhlen. Ob er einen Beliebtheitspreis erringen würde, steht zumindest dahin. Walter Vitt ist meist gerade heraus, nicht immer diplomatisch, das Gewundene liegt ihm nicht, er zieht Klarheit und Präzision vor. Vermutlich ist das der Grund, weshalb er auch das Vertrauen jener Spezies Mensch männlichen und wachsend weiblichen Geschlechts genießt, die sich als Kunstkritiker bezeichnet.

Unter seine Präsidentschaft fiel auch die schwerste Aufgabe, mit der ein deutsches AICA-Präsidium bislang konfrontiert war: die Erweiterung der West-AICA auf die Kunstkritiker aus jenem Teil Deutschlands, der zuvor eine eigene Sektion gestellt hatte, ohne die regimegenehmen Kunstinterpreten der DDR in cumulo trotz sanften Drucks von Seiten der internationalen Präsidentschaft aufnehmen zu müssen. Vitt meisterte die delikate Angelegenheit weitestgehend geräuschlos, und die Deutschen stellen heute über 170 Mitglieder. Darüber hinaus erhöhte er die Außenwirkung des Kritikerclubs und führte ihn in das Zeitalter des Internets, dessen Konsequenzen für den Beruf der Kunstkritik noch nicht annähernd eingeschätzt werden können.

Ob die Profession der Kunstkritik überhaupt ein Beruf ist – darüber lässt sich trefflich streiten. Künstler haben häufig Witze über Kunstkritiker gemacht, obwohl sie deren Tätigkeit wie einst der formidable Vasari begründet haben. Walter Vitt hat sich stets bemüht, der Kunstkritik, dem Schreiben über Kunst ohne wissenschaftlichen Anspruch, aber mit Gefühl und Verstand, durch gezielte Ausbildung ein Fundament zu geben. Sei es vermittels Seminaren parallel zu seinen zahlreichen Lehraufträgen an den Universitäten zu Münster, wo er von 1957 bis 1963 Germanistik, Publizistik, Geschichte und Philosophie studiert hat, zu Bochum, Dortmund, Siegen und Mainz, sei es kraft seiner ständigen Initiativen als AICA-Präsident in Richtung Universitäten und Kunsthochschulen. Mit partiellem Erfolg.

Die Reihe „Schriften zur Kunstkritik“, die er ins Leben rief und als souveräner Herausgeber nach wie vor betreut, eröffnete der spezifischen Disziplin sogar eine Phase der Selbst-Reflexion und zeitigte bisweilen überraschende Einsichten. Womöglich zieht eines fernen Tages auch die Kunstwissenschaft aus den Erkenntnissen dieser Schriftenreihe ihre Schlüsse. Die Hoffnung bleibt.

Das Geschäft der Kunstkritik jedenfalls betreiben nur wenige in schöner Ausschließlichkeit, es ist eine eher brotlose Kunst, viele, die überwiegende Zahl, nur nebenher, was keineswegs nebenbei heißt, und im übrigen verändern sich die Parameter der Kunstkritik ständig.

Auch Walter Vitt war kein hauptberuflicher Kunstkritiker. Inzwischen ist er es. Er war weder Museumsmann noch beamteter Hochschullehrer in einem kunsthistorischen oder sonstigen Institut; die Kunst ist während der Dauer seiner eigentlichen beruflichen Laufbahn (1961–1998) als Redakteur des WDR, von 1989 bis 1998 stellvertretender Nachrichtenchef des Hörfunks, nur das Feld am Rande seiner Berufsstraße gewesen.

Nichts desto weniger erwarb er sich als Kunstkritiker beträchtliches Renommee und verfügt im häufig kakophonischen Chor der Kunstkritik über eine prägnante und unverwechselbare Stimme. Selbst wenn der Kunst zwangsläufig nur seine geteilte Aufmerksamkeit gehörte, bedeutet es für ihn nie, sie dilatorisch zu behandeln. Ganz im Gegenteil. Er hat für fast alle bedeutenden deutschen Kunstzeitschriften, ständig oder sporadisch, geschrieben, für eine Menge regionaler und überregionaler Tageszeitungen, darunter auch für den legendären „Aufbau“ in New York, und er hat zahlreiche Bücher zur Kunst des 20. Jahrhunderts verfasst, vornehmlich für unterschätzte und vergessene Künstler, etwa den großen Walter Dexel, dessen Werkverzeichnis der wichtigen Druckgrafik er (1971, zweite Auflage 1998) erarbeitete. Dem Dadaisten Johannes Theodor Baargeld hat er postum wieder zu einer Identität verholfen: „Auf der Suche nach der Biographie des Kölner Dadaisten Johannes Theodor Baargeld“ (1977). Darin entpuppt sich der Kunstkritiker als veritabler Kunsthistoriker, der seine Quellen freilich erst aufspüren musste. Die Studie, einer Promotion wert. Walter Vitts Vorliebe galt und gilt aber den rationalen, konstruktiven Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst, deren Wirkungen durchaus Momente hervorbringen, die sich mit rationalem Besteck nicht vermessen lassen. „Genialisch“ Hingeworfenes ist ihm hingegen fremd und ebenfalls die solipsistische künstlerische Praxis der Postmoderne.

Walter Vitt habe ich in der zweiten Hälfte der allmählich verblassenden 1960er Jahren kennen gelernt. Zunächst als Kunstkritiker, dann auch persönlich. Eines der beiden Ressorts, die ich damals bei den „Aachener Nachrichten“ leitete, war das Feuilleton, und seine Beiträge haben diesem neben den Beiträgen von John Anthony Thwaites, Rolf Gunter Dienst, Dieter Hülsmanns, leider seltener Gert Kalow, Franz Josef Görtz, Rolf Thissen und einigen anderen ein weit über die Region ausstrahlendes Profil verliehen. Aus der Bekanntschaft ist längst eine sturmerprobte Freundschaft geworden. Was mich an seinen in der Regel knappen Artikeln stets bestach, war die genaue, zugleich anschauliche Sprache, die alles Wesentliche über ihren Anlass – eine Ausstellung, den „runden“ Geburtstag eines Künstlers, einer Künstlerin – mitteilte, mit Empathie gegenüber dem Gegenstand, ohne je in Versuchung zu sein, auf der Glatze im Sinne Karl Kraus´ eine Locke zu drehen. Walter Vitt ist ein Kunstkritiker, der für Leser schreibt, natürlich auch für die Künstler seines Interesses, aber zuallerletzt für sich und die Galerie.

Über Person und Persönlichkeit wäre noch vieles zu sagen. Über seine Kuratorentätigkeit, weit über zwanzig Ausstellungen kommen zusammen, zählt man allein die bedeutendsten, über seine Gedichte, überhaupt das Thema der Schriftstellerei, über sein Buch der Träume.

Am 2. Oktober wurde der in Gera geborene und in Köln lebende Walter Vitt siebzig Jahre alt.


Köln/Bonn, 02.10.2006
Klaus Honnef


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