Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD

50 Jahre AICA -Association internationale des critiques d'art
50 Jahre deutsche AICA

Zu Walter Vitts Anthologie "Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben"
Aus "Weltkunst", München, Heft 3/2002, S. 412 f.

Zugegebenermaßen, wer weiß schon, was sich hinter dem Kürzel AICA verbirgt? "Und das ist", um ein neues geflügeltes Wort auch in der Kunstkritik zu etablieren, "nicht gut so". Die AICA, Association internationale des critiques d'art, wurde in 1948 in Paris gegründet und gehört seit 1951 zu den ratgebenden Instanzen der UNESCO. Die deutsche Sektion konstituierte sich ebenfalls 1951, ein Jahr später erfolgte die Anerkennung durch den internationalen Kunstkritikerverband. Unter dem Titel "Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben" lässt Herausgeber Walter Vitt, aktueller Präsident der deutschen Sektion, 50 Jahre AICA Deutschland Revue passieren. In herrlich altmodischem Format und Layout dokumentieren viele Autoren in vier Kapiteln - Geschichte, Dokumentation, Praxis und AICA aktuell - die Entwicklung der deutschen Kunstkritik.

Außer Frage stand, dass dem Gründungskollegium ausschließlich Kritiker angehörten, an deren, wie Beate Eickhoff in ihrem sehr informativen Beitrag zur Geschichte der AICA anführt, "politischer Vergangenheit kein Anstoß genommen werden konnte." Erster Präsident wurde Franz Roh, Münchner, Künstler und Kunstkritiker, einer der engagiertesten Verfechter der neuen Moderne. Bruno E. Werner, damals Feuilletonchef der "Neuen Zeitung", ernannte man zum Vize. Der jüngste im Bunde, der Hamburger Kritiker Hanns Theodor Flemming, komplettierte als Sekretär das Gremium der ersten Stunde. Zu den frühesten Mitgliedern gehörten Will Grohmann, Werner Haftmann, Eduard Trier, Rohs Ehefrau Juliane und heute weithin vergessene Kritikerkollegen wie Albert Buesche, Fritz Nemitz, Gert Schiff, Benno Reifenberg, Rolf Walther, Leopold Zahn und Kurt Leonhard.

Hehr waren die Ziele der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges: Auf internationaler Ebene standen die Erforschung der jungen Kunst, der Austausch der Theoretiker miteinander und vor allem die Vernetzung über Ländergrenzen hinweg im Mittelpunkt. Der deutschen Sektion wurde als erstes aufgetragen, einen Status der Avantgarde zu erstellen. Ein erster Schritt, die Kunst nach 1945 mit ihren Protagonisten Willi Baumeister, Ernst Wilhelm Nay, Fritz Winter, K.R.H. Sonderborg oder Karl Hartung zu propagieren. An erster Stelle hieß es denn auch in der ersten Satzung der deutschen AICA entsprechend: "Der Zweck des Verbandes ist das Gewicht und die kulturelle Einwirkung der guten Kunstkritik zu fördern, die Berufsinteressen der Mitglieder zu schützen, den internationalen Austausch von Informationen zu erleichtern, die kunstkritische Urteilskraft und das Gefühl für Qualität im In- und Ausland zu steigern, den internationalen Kunstaustausch zu befürworten." - Paradiesische Zustände, paradiesische Aufgaben.

Walter Grasskamp schreibt über die Konstruktion von Gegenwart, Dirk Schwarze versucht in seinem Beitrag zur Sprache der Kunstkritik anlässlich der documenta X der verlorenen internationalen Ausrichtung der Kritik deutscher Provenienz nachzuforschen. Mit dem entlarvenden Satz: "Verstärkt wurde diese Sonderrolle [Anm.d.Aut.: Cathérine David war 1997 die erste Frau auf dem documenta-Thron] dadurch, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Berufung für viele deutsche Kritiker ein unbeschriebenes Blatt war, auch nicht vor deutlicher und ungeschickter Kritik an anderen (darunter an der documenta-Stadt) zurückschreckte, wie ihre Vorgänger Hoet und Fuchs ihre Künstlerliste geheim hielt, aber viele mit ihrer Vorliebe für Fotografie, Film und Literatur irritierte und dass sie offiziell keine namhaften Kuratoren in ihr Team holte.", zeigt Dirk Schwarze, Leiter der Kulturredaktion der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen, dass die Wünsche und Ziele aus der Gründerzeit der AICA sich nicht erfüllt hatten. Zu schnell hatte man die internationale Ausrichtung vergessen, zu lange war man "entre nous" geblieben und hatte sich auf den Lorbeeren der bewegten 1960er und 1970er Jahre ausgeruht. Diese Zeit war glorreich gewesen, viele Beiträge in Vitts Anthologie erzählen davon, wenn auch zuweilen etwas blumig und recht familiär, mit vielen Details und großem Wissen.

Das heikle Thema des Verhältnisses zwischen Ost und West in der Kunstkritik wird nicht ausgespart. Andreas Hüneke schreibt persönlich bewegt und zwischen subjektiven und objektiven Bedingungen des dortigen Lebens lavierend, über die DDR-AICA, Instrument der Kulturpolitik der DDR. Mit Mut zur Lücke wirbt er für die Überwindung ideologischer Gräben, wissend um die Schwere eines solchen Unterfangens. Die reine Sinnsuche des Kritikers im Angesicht der Kunst erörtert Walter Vitt in seinem Beitrag "Was - Du liest noch Kritiken?", hin- und herschwankend zwischen Emphase und (augenzwinkernd) leichtem Leiden. Was bleibt, ist die Sehnsucht, nicht nur die von Walter Vitt, nach einer Kunstkritik ohne Wenn und Aber, voller Fehl und Tadel, die keine Diskussion, keinen Streit und überschwängliches Lob scheut.

Bei der Lektüre erfährt man viel über vergangene Zeiten, stellt durchaus fest, dass die meisten Autoren einem rheinlando-zentrischen Kunst-Weltbild anhängen und sich - ein bisschen zu oft - nostalgischer Verklärung hingeben.

Kunstkritik im Verbund der AICA kann immer noch jeden Tag neu geschrieben werden, die deutsche sicher auch, würde sie sich an die Ziele der ersten Stunde mehr als nur erinnern. "Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben" macht trotz Lücken und einer eigenwilligen Strategien folgenden "Bibliografie der deutschsprachigen Kunstkritik nach 1945" Lust, mehr über das Kritikersein im Angesicht der Kunst zu erfahren. Oder dem der Anthologie vorangestellten Motto von Gerhard Rühm zuzustimmen oder zu widersprechen: "Was wären das für Kunstkritiker, die bei Bildern bloß das Sujet und nicht die Malerei selbst in Betracht zögen!"




Anne Maier

"Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben. 50 Jahre AICA Deutschland" Hg.: Walter Vitt. Steinmeier Verlag, Nördlingen, 2001,176 Seiten, € 18,40
ISBN 3-927 496-89-8


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